Angstfrei beim Hundefriseur – der Weg dahin (Teil 2)
- 29. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Juli
Dieser Beitrag stammt von Alexandra Schlömmer — zertifizierte Medical Trainerin und Fear Free Grooming Expertin aus Österreich. Wir freuen uns, ihre Arbeit hier mit euch teilen zu dürfen, und möchten ihr herzlich danken – sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einem Thema, das uns allen am Herzen liegt.
Nachdem wir in Teil 1 gesehen haben, wie stressig ein Friseurbesuch aus Hundesicht sein kann, zeigt uns Teil 2 die lösungsorientierte Seite: Wie ein Besuch beim Hundefriseur mit Vertrauen und ohne Stress gelingen kann. Dieser Beitrag lädt dazu ein, den Ablauf bei einem bedürfnisorientierten Hundefriseur kennenzulernen und zu sehen, wie ein gutes Miteinander bei der Pflege für Mensch und Hund funktioniert.

In Teil 1 unserer Serie haben wir einen Hundefriseurbesuch mit den Sinnen eines Hundes erlebt. Dabei haben wir erkennen können, dass für uns Menschen etwas so Gewöhnliches wie ein Friseurbesuch für einen Hund viel Stress bedeuten kann. Während wir eine kleine Auszeit beim Friseur genießen, ein Magazin lesen oder ein wenig plaudern, können die vielen intensiven Gerüche, die neuen und oft lauten Geräusche, die ungewohnten Berührungen durch einen fremden Menschen sowie die verschiedenen Werkzeuge unserem Hund große Angst bereiten.
In Teil 2 erleben wir einen Besuch beim Hundefriseur nochmals mit den Augen, Ohren und der Nase eines Hundes. Dieses Mal sind wir allerdings in einem Fear Free zertifizierten Hundesalon, in dem so manches ganz anders läuft …
Als wir nach meinem ersten Besuch beim Hundefriseur nach Hause fuhren, war meine Mom sehr nachdenklich und wirkte bedrückt. Beim Abschied hat der Friseur ihr gesagt, ich wäre sehr unruhig gewesen, hätte gezappelt und geknurrt und letztlich nach ihm geschnappt. Das hat ihr zu denken gegeben, da sie mich so nicht kannte. Ich bin ein freundlicher, entspannter Hund, der Menschen mag und auf alle offen zugeht. Nach jemandem geschnappt habe ich erst einmal in meinem Leben. Das war, als ein Fremder direkt auf mich zuging und meinen Kopf ohne Vorwarnung viel zu schnell und grob in seine Hände nahm, um mich zu streicheln. Damals hat meine Mom mir geholfen und ihm erklärt, dass er mir Angst gemacht hätte und sich nicht wundern dürfe, dass ich mich gewehrt habe.
Also fing meine Mom zu recherchieren an, um mehr über Stress und Angst beim Hundefriseur herauszufinden. Dabei stieß sie auf das Fear Free Konzept. Dieses geht auf Dr. Marty Becker aus den USA zurück und ist eine Initiative, die darauf abzielt, Angst und Stress bei Haustieren zu verringern, indem sie die Menschen, die sich um sie kümmern, schult. Meine Mom fand die Grundsätze und Methoden sehr interessant und vereinbarte für uns einen Meet & Treat Termin bei einer Fear Free zertifizierten Hundefriseurin.
Schon bei unserer Ankunft war alles anders. Wir stiegen aus dem Auto aus, die Hundefriseurin kam aus den Laden heraus, begrüßte meine Mom und plauderte ein wenig mit ihr. Ich beobachtete sie eine Weile aus der Distanz, ging dann langsam auf sie zu und begann vorsichtig, sie zu beschnuppern. Das hat ihr nichts ausgemacht, im Gegenteil, sie hat mich gelobt und mir sogar ein Leckerchen dafür gegeben!

Dann gingen wir zur Eingangstür, ich folgte beiden etwas aufgeregt, ich wusste ja nicht, was nun passieren würde, aber bis jetzt schien alles vertrauenswürdig zu sein. Im Laden leinte meine Mom mich ab und unterhielt sich weiter. Die beiden beachteten mich nicht, also ging ich ein paar Schritte und schnüffelte im Raum herum. Da waren so viele Gerüche, die musste ich erst mal einordnen. Shampoo, Conditioner und die Geruchsspuren einiger anderer Hunde, diesen Geruchsmix hatte ich in schlechter Erinnerung. Aber da war noch etwas – ein Duft wie bei meiner Hundemama und meinen Hundegeschwistern im Nest! Das war richtig angenehm und fühlte sich vertraut und sicher an. Außerdem hörte ich leise, langsame Musik im Hintergrund und fühlte, wie sich meine Anspannung etwas legte. Irgendwie gefiel es mir hier, es gab ein paar Hundebetten und sogar eine Hundebox. In die könnte ich mich zurückziehen, falls hier etwas Unheimliches passieren würde, dachte ich mir.
Also ging ich ein paar Schritte weiter und entdeckte ein Leckerchen in einer Ecke, dann noch eines unter einem Stuhl und ein zusammengerolltes Handtuch am Boden, in dem richtig viele verschiedene Leckerchen versteckt waren. Als ich mir welche herausholte wurde ich von der Friseurin dafür gelobt und meine Mom sah mich erfreut an. Wo auch immer ich hier gelandet war, es schien ein sicherer Ort mit einem freundlichen Menschen und vielen Leckerchen zu sein! Die Hundefriseurin sah mich an, sagte meinen Namen und hielt mir einen Ball hin, dann ließ sie ihn durch den Laden rollen. Fantastisch! Ich liebe spielen! Schon holte ich denn Ball und brachte ihn zu ihr zurück. Dann sagte sie zu meiner Mom: „Aus Ihren Erzählungen schließe ich, dass Ihr Hund beim ersten Friseurbesuch schlechte Erfahrungen gemacht hat. Es dürfte einiges passiert sein, das ihm Angst und Stress bereitet hat. Aber keine Sorge, daran können wir gemeinsam gut arbeiten, damit er wieder Vertrauen erlangt. Ich arbeite mit den Methoden des Medical Trainings, wende die Prinzipien der Lerntheorie bei Hunden an und setze Low Stress Handling nach Dr. Sophia Yin ein, wenn Hunde Stress und Angst zeigen. Ich möchte jetzt ein paar Dinge ausprobieren, um herauszufinden, wie Ihr Hund auf die Wanne und den Trimmtisch reagiert.“
Sie ging zur Badewanne, vor der eine Art Treppe stand. Dann legte sie auf jede Stufe ein Leckerchen und lud mich mit einer freundlichen Geste ein, näher zu kommen. Zuerst überlegte ich und war ein wenig misstrauisch, aber es war zu verlockend. Schnell lief ich hin und schnappte mir die Leckerchen, dann wurde es mir aber doch unheimlich und ich lief zurück zu meiner Mom. Sofort legte sie wieder Leckerchen auf die Treppen und gleich mehrere große Stücke davon in die Wanne hinein. Das erste Mal war ja halb so schlimm, dachte ich mir, also ging ich wieder hin, die Treppe hinauf und schnell schnappte ich mir auch die großen Leckerchen aus der Wanne heraus. Beide lobten mich und sahen sichtlich erfreut aus. Ich fühlte mich gut und motiviert, dieses Spiel lief ja hervorragend!
Die Friseurin sagte zu meiner Mom: „Gut, dabei belassen wir es fürs Erste, damit wir ihn nicht überfordern. Er soll nur gute Erfahrungen mit der Wanne machen. Er war gerade sehr mutig und ist bereits mit seinen Vorderpfoten drinnen gestanden, das ist ein großer Erfolg. Nun sehen wir uns an, ob er freiwillig auf den Trimmtisch geht.“

Sie senkte diesen nah zum Boden herab und legte ein Leckerchen an die Tischkante. Alles klar, das war einfach! Ich ging hin, stellte mich auf die Hinterpfoten, schnappte es mir und lief zurück zu meiner Mom. Sie streichelte und lobte mich und ging dann auch zum Tisch. Ich sah, wie sie Leberwurststückchen in die Mitte des Tisches legte und mich zu ihr winkte. Leberwurst ist mein Lieblingsleckerchen, das ich nur zu besonderen Anlässen bekomme! Allerdings musste ich nun auf den Tisch steigen, um an sie heranzukommen. Das schien mir zu riskant, da ich nur schlechte Erfahrungen auf solchen Tischen gemacht habe. Also schnüffelte ich ein wenig im Raum, um nachzudenken, schleckte mir übers Maul, schüttelte mich, gähnte und setzte mich zur Eingangstür. Mal abwarten, vielleicht würden sie mir die Leberwurststückchen zuwerfen, das wäre weniger gruselig. Die Friseurin erklärte meiner Mom, dass der Trimmtisch für mich offensichtlich angstbesetzt war und ich zurzeit nicht in der Lage wäre, mich freiwillig auf ihn zu stellen. Sie versicherte ihr, dass wir das mit gezieltem, positivem Training bei den nächsten Terminen gut hinbekommen würden. Wesentlich sei nun, mich jetzt keinesfalls dazu zu zwingen, weil das meine Angst nur noch mehr verstärken würde.
Der Rest unseres Meet & Treat Termins verlief dann noch richtig gut. Die Hundefriseurin spielte ein wenig mit mir, streichelte mich und meine Mom zeigt ihr, welche Tricks ich konnte. Für jedes Mal Pfote geben bekam ich Lob und Leckerchen, für einen Nasentouch an ihrer Hand sogar ein paar von meinen geliebten Leberwurststückchen! Ich hätte noch lange so weitermachen können und hoffte, dass wir da bald wieder hingehen würden.
Und so war es dann auch. Meine Mom und ich hatten danach weitere Termine, bei denen ich spielerisch und mit vielen Belohnungen lernte, freiwillig auf den Trimmtisch zu springen, selbst in die Wanne zu steigen sowie gebadet und geföhnt zu werden. Die verschiedenen Werkzeuge, Geräusche und Gerüche durfte ich Schritt für Schritt kennenlernen. Das haben meine Mom und mein Dad zu Hause mit mir weitergeübt. Dabei haben sie mich mit Scheren, Krallenzange, Bürste und Scherapparat berührt, ihren Haarföhn eingeschalten und mich fürs Stillhalten immer mit Leberwurst belohnt. So hat alles seinen Schrecken verloren und ich habe gelernt, dass Kooperation bei der Fellpflege mir jede Menge tolle Leckerchen - also positive Konsequenzen – einbringt.

Ich habe auch erkannt, dass immer, wenn mir etwas zu unangenehm oder zu anstrengend wurde, ich weggehen darf. So kann ich nun jederzeit zeigen, dass ich eine Pause brauche. Erst wenn ich freiwillig wieder zurückkomme, geht es weiter.
Auf diese Weise läuft meine Fellpflege nun richtig gut und meine Mom oder mein Dad sind immer dabei, das gibt mir Sicherheit. Während die Friseurin mich bürstet und mein Fell schert, bekomme ich Leckerchen fürs Durchhalten und werde gelobt. Nur dass meine Pfoten beim Krallenkürzen festgehalten werden müssen, ist mir nach wie vor sehr unangenehm. Aber wir haben einen Deal - für jede gekürzte Kralle gibt es ein großes Leberwurststückchen, viel Lob und eine kurze Pause, und schon ist es halb so schlimm …
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